Anstoß zu dem Gedanken ist die Publikation einer “Studie” zur Freundlichkeit der Städte Südtirols in der Tageszeitung Zett am gestrigen Sonntag. Auch wenn ich persönlich die Repräsentativität dieser Studie mehr als bzweifeln möchte hier dennoch die Ergebnisse und das, was ich persönlich über die Freundlichkeit in Südtirol denke…
And the winner is…. Sterzing und Klausen! Glaubt man der Zett stehen diese zwei Städte in den Kategorien Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Offenheit (so hat die Zett “Freundlichkeit definiert) ganz vorne. Gefolgt von Meran, Brixen, Leifers und Bruneck. Auf dem letzten Platz findet sich angeblich Bozen. In Glurns wurde der Test abgebrochen: zu viele Touristen!
Wie wurde getestet: Beim Ehrlichkeitstest wurde bewusst inmitten der Passanten die Brieftasche verloren, beim Hilfsbereitschaftstest wurden Passenten nach ihrem Mobiltelefon gefragt bzw. um Geld für die Telefonzelle gebeten, und beim Offenheitstest wurden Passanten gebeten an einer kurzen Umfrage teilzunehmen.
Da die Zettmitarbeiter angeblich “vier Brieftaschen” verloren hätten, und ich mir kaum vorstellen kann, dass man aus einer derart geringen Grundgesamtheit (bei nur vier Verlusten muss die einfach sehr klein gewesen sein) statistisch irgendwie verwertbare Zahlen erhalten kann (immer gemessen an der Einwohnerzahl der Städte), sind Ergebnisse wie “in Bozen hoben nur 60% die Brieftasche auf” wohl kaum eine näheren Betrachtung wert. Dennoch interessant… die Idee zum Test
Nun zu Südtirol: Wenn ein Italiener mit seinem Wagen inmitten der Straße steht, Warnblinkanlage, Zeitung vor der Windscheibe, dann gibts im Endeffekt nur eines: Ruhig bleiben! Ich kenne Menschen die halten an, treiben sich selbst den Puls in ungeahnte Höhen nur um den Gast (der es ja nicht besser weiß und einfach so gewohnt ist) in Grund und Boden zu schimpfen! “Superfreundliche Menschen da oben im Norden” wird sich der denken! Dasselbe wenn eine Familie einfach die Straße quert! Schimpft nicht! Lacht darüber, vielleicht erklärt ihnen freundlich, dass die Sachen u.U. gefährlich sind, aber staucht unsere Gäste nicht in den Boden!
Etwas vom schönsten, das man aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen kann ist die Erinnerung an freundliche, offene Menschen! Wir Südtiroler meinen immer wir wären ja ein ach so nettes Volk!
Als ich kurz vor Weihnachten des letzten Jahres von Kanada zurückgekehrt bin hab ich fast Frostbeulen bekommen, so freundlich sind wir im Verhältnis zu so manch anderem Land. Als ich letzter Woche mit dem Rad gefallen bin und leicht verletzt und geplagt von Übelkeit 5 Meter vor meinem halbkaputten Rad auf dem Gehsteig gelegen bin, da hat in knapp 10 Minuten kein Auto und kein anderer Radfahrer angehalten um zu Fragen ob alles in Ordnung ist! Superfreundlich sind wir!
In Olang fragt ein Italiener beim Wurststand: “Che cosa significa Südtirol IST NICHT Italien?” Da sagt einer “NON É!! NON È!!!! … in scharfem Ton. Im Punkto Freundlichkeit können wir alle noch viel tun. Und wenn wir auf der einen Seite viele Geld für Marketing ausgeben, dann kann es sein, dass der eine Mensch, der den Gast wegen “nix” beschimpft, dieses Geld indirekt gerade zum Fenster raus schmeisst. Insofern bitte nie vergessen: Wir sind ALLE Südtirolmarketer!
Wolfgang arbeitete nach seinem Diplomstudium mit Schwerpunkt "Tourismus & Servicemanagement" als Unternehmens- berater im Tourismus. Weitere Erfahrungen im Bereich Event- und Directmarketing in Kanada führten Ihn ins Destinationsmana- gement bei Südtirol Marketing (SMG).
8 Kommentare bei Wir sind ALLE Südtirol-Marketer!
Hanspeda
August 18th, 2009 at 07:42
nennen wir das Olanger Würstlstandl mal authentisch
Übrigens hier ein paar Fotos von den Aufklebern
http://www.kronplatz.ch/die-tiroler-pommesbude/
Wolfgang
August 18th, 2009 at 08:04
…Problem ist, dass ein negatives Erlebnis den Eindruck der ganzen Region stark färben kann. Ich würde in diesem Zusammenhang von authentisch weggehen in Richtung “manchmal peinliche Wahrheit”
Hanspeda
August 18th, 2009 at 09:39
naja es wird uns nie gelingen alle tourismusfreundlich zu besinnen.
glaube auch solche Geschichten machen Südtirol aus. Leute mit Ecken und Kanten…
Roland
August 18th, 2009 at 09:42
Leider richtig, Wolfgang… Was auf der einen Seite mit Millionen aufgebaut wird, geht salopp gesagt am Würstlstandl den Bach runter… aber so kleinkariert ist der Südtiroler halt mal.
Wenn sogar die Jergina überzeugt sind, dass St. Georgen nicht Bruneck ist!
Ja, wir haben viele Kirchtürme…
Wolfgang
August 18th, 2009 at 14:19
…ja mit den Kirchtürmen hast du wohl recht.
@HP: bei allen wirds uns nie gelingen, aber man kann anfangen ein Bewusstsein hierfür zu bilden. Wir sprechen hier von den gleichen Menschen die i.d.R. auch gegen bspw. die Ried-Piste sind. Es fehtl einfach noch ein wenig das Bewusstsein…
Manfred
September 14th, 2009 at 01:47
Stimme Wolfgang vollkommen zu…wenn man mal längere Zeit im Ausland ist sieht man inwiefern andere Länder freundlicher sind als wir oder nicht….natürlich wird es die “totale Freundlichkeit” nirgends geben, aber freundlicher als in Südtirol sind die Menschen in vielen Ländern. In Australien z.b. kannst du dir sicher sein, dass wenn du orientierungslos an einer Kreuzung stehst, dass dich jemand fragt, ob du Hilfe brauchst…ähnliche Erfahrung habe ich in anderen Ländern gemacht…..ob bei uns einem (vor allem italienischen) Touristen ohne Zögern geholfen würde?
Es fehlt vielen das Bewusstsein, dass der Tourismus indirekt allen was bringt….aber das Problem gibt es ja seit langem schon…..
Wolfgang
September 14th, 2009 at 19:30
Yeeeeah, Manni ist wieder da!!! Zurück aus Australien oder folgst du der Heimat nur am Bildschirm?
Manfred
September 16th, 2009 at 00:42
am Bildschirm